Die Komposition dieser Radierung zeichnet sich durch einen luftigen und hellen Aufbau aus, der beim Betrachter eine Frühlingsstimmung erzeugt. Der Schriftsteller
Theodor Storm (1817–1888) verfasste nach 1843 ein Frühlingsgedicht, in dem er seine Eindrücke vom Erwachen der Natur zum Ausdruck brachte.
Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum –
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
Das Exlibris ist von floralen Elementen dominiert, darunter Blumen, Blätter und Äste, wie sie auch in Storms Gedicht vorkommen. ... In Kürze werden auch die Heckenrosen erblühen, die auf dem Buchzeichen für
Luise Mackensen (1839–1919), der Mutter des Worpsweder Malers
Fritz Mackensen (1866–1953), dargestellt sind. Die vorliegende Radierung wurde von dem Künstlerkollegen Mackensens
Hans am Ende (1864–1918) angefertigt, der durch seine realistischen Darstellungen von Natur- und Landschaftsszenen Berühmtheit erlangte. Der aus Trier stammende Künstler ließ sich nach Abschluss seines Studiums an der Kunstschule in Karlsruhe im Jahr 1889 in Worpswede nieder und zählte damit zu den vier Begründern der Künstlerkolonie Worpswede, gemeinsam mit Fritz Mackensen,
Fritz Overbeck und Otto
Modersohn. Die Zusammenarbeit der Künstler war anfänglich von Harmonie geprägt, und es stellten sich schnell gemeinsame Erfolge in Form von Ausstellungen in Bremen und München ein, die der Gruppe den Durchbruch brachte und sie reichsweit bekannt machte. Allerdings stieß die angestrebte Führungsrolle von Fritz Mackensen innerhalb der Künstlergemeinschaft auf Widerstand. Ein möglicher Hinweis auf diesen Konflikt findet sich vielleicht in dem Exlibris für Mackensens Mutter.
Hans am Ende verwendete für die Grafik die Technik der Ätzradierung und strukturierte das Bild ausschließlich durch die Dichte der Striche, die Licht und Schatten erzeugen. Das zentrale Motiv des Bildes wird von zwei in der Mitte positionierten Rosenblüten gebildet, die schon weit entwickelt sind. Der Blick des Betrachters wird unmittelbar auf den rechten, hellen Blütenkelch einer Rose gelenkt, die mit ihren Blättern eine zweite Blüte in den Schatten stellt. Im Hintergrund sind weitere Blüten der Rose in der Öffnungsphase zu sehen. Die Frage, ob die vier gezeigten Blüten die Gründergruppe der Worpsweder Künstlerkolonie repräsentieren, bleibt sicher Spekulation. Alle Blüten sind durch Äste verbunden, die aus dem Boden einer Pflanze entspringen. An den verbindenden Ästen sind Stacheln zu sehen, die eine kratzige Beziehung entstehen lassen. Warum die Wahl des Künstlers auf die sogenannte Hundsrose fiel, wie die Heckenrose auch genannt wird, wirft Fragen auf. Er hätte auch eine edle Rosenart zeigen können, die in vielen Grafiken der Zeit des Jugendstils dargestellt ist. Es könnte in dieser frühlingshaften Grafik eine tiefere, noch nicht erkannte Botschaft verborgen sein. Diese bleibt jedoch im Dunkeln.
Diese Interpretation ist gewiss gewagt und Hans am Ende hatte bei der Gestaltung seines frühlingshaften Blattes ganz andere Intentionen. Dennoch ist die Freiheit, die jedem Betrachter bei der Interpretation von Kunstwerken zusteht, eine wichtige Komponente der Kunstrezeption. ...
(
Siegfried Bresler, Beitrag der DEG
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