Bibliophiles des Monats ist im November der vor 60 Jahre erschienene Titel von HAP Grieshaber (1909–1981) „Totentanz von Basel / La Danse des Morts a Bale / The Dance of Death at Basle.“ Mit den Dialogen des mittelalterlichen Wandbildes. Mit 40 Original-Farbholzschnitten von Grieshaber. Dresden, VEB Verlag der Kunst, 1966
Es glich fast einer Sensation, als den kunstverbundenen Dresdnern zu Ohren kam, dass ein berühmter süddeutscher Grafiker beabsichtige, ein monumentales Holzschnittwerk in der DDR, in ihrer Stadt, drucken zu lassen. Man hielt es für ein Gerücht.
Auch unter den Kunststudenten raunte man sich Mitte der 60er Jahre zu, HAP Grieshaber aus dem Westen wird hier einen sogenannten TOTENTANZ VON BASEL drucken lassen. Das erweckte Neugier, zumal den meisten dieser mysteriöse Titel überhaupt nichts sagte und sich zugleich die Frage ergab, in welcher Druckwerkstatt.
An der inneren Mauer eines Baseler Friedhofs befand sich ein mittelalterlicher Totentanz mit beigefügten Versen, so wie auch anderswo in Europa. Dargestellt ist in Form eines Reigens die unausweichliche Allmacht des Todes gegenüber allen Menschen, beginnend mit dem Pabst.
Matthäus Merian d. Ä. zeichnete diese Totentanzfolge von der Baseler Friedhofmauer ab und fertigte davon Kupferstiche an. Im Gegensatz zu dem noch immer existierenden Totentanz in der
Berliner Marienkirche wurde der Baseler in späteren Jahrhunderten oftmals, jeweils dem Zeitgeschmack folgend, überarbeitet und dann zerstört. Die veröffentlichten Kupferstiche mit dazugehörigen Versen dienten Grieshaber als Vorbild für seine moderne Interpretation dieses Themas.
Von Heiligabend 1965 bis zum 13. Juni 1966 schuf er Druckplatten für 40 Farbholzschnitte im Format von 45x35 cm. Ein Kleintransporter musste schon herhalten, um die weit über 100 Druckstöcke für die zwei- bis vierfarbigen Holzschnitte aus Schwaben nach Sachsen zu transportieren. In Absprache mit dem Dresdner
Verlag der Kunst, der für die Herausgabe dieses Groß-Folio-Bandes verantwortlich zeichnete, fand das Drucken in den Werkstätten der
Hochschule für Graphik und Buchkunst, Leipzig statt. Den Schriftentwurf dazu übernahm
Albert Kapr. Einen weiteren Höhepunkt erlebte die Buchkunst des 20. Jahrhunderts durch die Publikation dieses Meisterwerks Grieshabers. Im Buchhandel waren die für die für die DDR bestimmten Exemplare trotz des hohen Preises so gut wie nicht zu haben.
Aufgrund des großen Interesses gab der
Verlag der Kunst den Titel zwei Jahre später mit verkleinerten schwarz-weiß-Abzügen von hoher Eigenständigkeit heraus. Die Texte in passend fetter Antiqua zu den kräftigen Holzschnitten ergeben eine ausgewogene Einheit auf jeder Doppelseite. Diese Ausgabe, versehen mit umfangreichen Nachbemerkungen hält durchaus den Vergleich mit
Kirchners berühmtes
Umbra Vitae von 1924 stand.
Ergänzend erschien 1982 in Stuttgart der großformatige Band
DIE GOUACHEN ZUM TOTENTANZ, um einem interessierten Publikum Grieshabers lebendig-lockere Vorarbeiten nahezubringen.
(
Bernd Friedrich)