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Sonntag, 2. August 2026

Exlibris des Monats: zum Gedenken an den 6. August

Das Exlibris des Monats August 2026 wurde anlässlich des Hiroshima-Gedenktages ausgewählt.
Carla Fusis feine Radiertechnik ist in Exlibriskreisen zu Recht sehr geschätzt. Sie gehört zu den Künstlern, die mit ihrer Kunst nicht nur erfreuen, sondern auch etwas mitteilen möchten. So auch auf ihrem Exlibris aus dem Jahr 2016 für Lydia Willemsen. Im Mittelpunkt steht, obwohl genaugenommen eigentlich nur in der rechten Hälfte im Vordergrund der horizontalen Radierung ein extrem großes und bewundernswert fein radiertes Ginkgoblatt, das mit seiner originellen Fächerform auf die kreative und perfekte Schönheit der Natur verweist und einen somit erfreut, das einen aber auch aufgrund des beträchtlichen Anteils, den das Blatt auf der Exlibris Radierung einnimmt, sogleich zum Nachdenken darüber motiviert, wofür ein Ginkgo Blatt in der Kunst- und Kulturgeschichte eigentlich steht. Das Ginkgoblatt ist nämlich ein tiefgründiges Symbol, das in verschiedenen Kulturen und Zusammenhängen unterschiedliche Bedeutungen hat, allerdings immer positive. Als Germanistin fällt mir da zunächst die von Goethe lyrisch herausgearbeitete symbolische Bedeutung des Ginkgoblattes ein, das wegen seiner Form – zwei Blätter, die sich zu einem einzigen Ganzen vereinigen („sich erlesen“) – zum Symbol („geheimer Sinn“) für menschliche Beziehungen, also für Freundschaft und – vor allem – für Liebe steht. ,,,

(Ulrike Ladnar, gesamter Beitrag hier)

Dienstag, 2. Dezember 2025

Exlibris: Alberto Martini für Gianni Mantero

Lange habe ich nach einem Weihnachtsexlibris gesucht. [... Ich habe jedoch] wieder wie auch in den letzten Jahren ein Exlibris ausgesucht, das sich deutlich und vehement gegen Kriege ausspricht.
Das vorgestellte Exlibris versteht sich fast von selbst. In der Mitte des Blattes befindet sich ein riesiger Trümmerberg, in dem oder um den herum ein skurriles Totenskelett mit einer Sense in der Hand den Trümmerberg durchschneidet, um ja kein Fitzelchen von Leben oder unzerstörten Objekten zu hinterlassen. Genau genommen hat das an sich schon makabre Bild vom Schnitter Tod („Es ist ein Schnitter, der heißt Tod!“) hier eine zusätzlich makabre und extrem furchteinflößende Ausformulierung gefunden. Man sieht nämlich sogar zwei Schnitter, die sich mit ihrem Vernichtungswerk in Konkurrenz zu befinden scheinen. Erst bei genauer Betrachtung sieht man, dass das nicht so ist, denn die beiden Totenskelette haben zwar zwei Köpfe und vier Beine, allerdings nur zwei Arme und Hände, mit denen sie die Sense bedienen, und einen einzigen Körper, wenn man Skelette als Körper bezeichnen möchte, sind also siamesisch zusammengewachsen und verstärken sich gegenseitig. Beide scheinen nur erfüllt zu sein von ihrem unverbrüchlichen Willen, unwiderrufbar allem Lebenden und existierenden Tod und Zerstörung zu bringen. 
[...]
Der Künstler: Alberto Martini war ein vielseitiger italienischer Künstler. Er wurde 1876 in Oderzo, Italien, geboren und erhielt seinen ersten Kunstunterricht als kleiner Junge von seinem Vater, der Porträtmaler war und an dem Istituto Tecnico in Treviso als Professor Zeichenunterricht erteilte. Sein Sohn Alberto war vor allem als Maler tätig – seine Werke befinden sich in verschiedenen Museen wie dem Israel Museum in Jerusalem und dem British Museum in London. Es gibt auch auf ihn spezialisierte Sammlungen wie die Pinacoteca Civica Alberto Martini in Oderzo. Seine Werke sind auch immer wieder in großen Ausstellungen zu sehen, und zwar nicht nur in nur in Italien. Außer als Maler arbeitete Martini aber auch als Grafiker und als Illustrator. Alberto Martini gilt allgemein als Vorläufer des Surrealismus; das lässt sich vor allem an seinen Grafiken nachweisen. Er illustrierte schon früh literarische Werke, vor allem solche skurrilen und satirischen Inhalts.
[...]

(Ulrike Ladnar, gesamter Artikel hier)

Freitag, 20. Juni 2025

DEG Jahrbuch 2025

Hans-Joachim Genge beginnt mit den auf Exlibris sehr vertrauten Darstellungen von öffentlichen wie auch privaten Bibliotheken. [...] Eine feine Zusammenstellung repräsentativer Beispiele, die das breite Themenfeld treffend abdeckt.

Kornélia Vasné Tóth führt uns in eine im Jahr 1919 eröffnete Buchhandlung in Budapest und macht uns mit dem ungarischen Buchhändler und Kunstsammler István (Stefan) Kellner bekannt. Neben Exlibris, vorwiegend für Stefan Kellner, werden auch Verlegerzeichen für denselben, eine Werbung für die Buchhandlung sowie ein Titelblatt für Exlibris und Gelegenheitsgrafik vorgestellt.
Mit Wohn(t)räumen widmet sich Tomas Ostermann einem heute fast vergessenen Thema, dem ehemaligen Herrenzimmer. [...]
Anschließend [ertklärt] Heinz Neumaier [...], dass man ab dem 18. Jahrhundert auch in gut situierten Familien besonderen Wert auf einen Musikraum im eigenen Haus legte. [...]
Andreas Raub präsentiert Künstlerateliers in der Kleingrafik sowie Werkzeuge zur Herstellung von Grafiken. [...]
Es folgen Restaurantbesuche mit Anke Polenz. Vom opulenten Mahl bis zur einfachen Konsumation in einem Zugabteil werden unterschiedliche Situationen vorgestellt. Natürlich darf auch das Restaurant von Mario de Filippis, einem sehr bekannten Exlibris-Sammler, nicht fehlen.
Schließlich wird es intim, denn Klaus Thoms beschäftigt sich mit geschützten Räumen. Ob Bad, Toilette, Boudoir oder Schlafzimmer – er stellt sie alle vor. Von einer alten römischen Latrine über ein Plumpsklo (ein Exlibris von Zoltan Ven) bis zu einer Toilette von Friedensreich Hundertwasser in Neuseeland, ist einiges zu bestaunen. Auch Badezimmer sind nicht tabu im Exlibris.
Noch intimer wird es bei der Anatomie. Anne Büsing stellt Exlibris mit Höhlen und Hohlräumen bei Mensch und Tier vor. [...]
Im nächsten Beitrag reisen wir gemeinsam mit Johann-Peter Haas nach Florenz. Hier stehen vor allem Außenräume und bekannte Gebäude dieser wunderschönen Stadt im Mittelpunkt, ebenso berühmte Künstler wie Sandro Botticelli mit seiner Venus, Michelangelo mit seinem David, sowie Dante Alighieri, Galileo Galilei und Niccolò Machiavelli. Auch das düstere Kapitel der Regentschaft von Fra Girolamo Savonarola gehört dazu, illustriert durch eine Grafik von Sepp Frank, die den geächteten Prediger zusammen mit zwei Gefährten auf dem Weg zum Schafott zeigt.
Den Abschluss dieses vielseitigen Themenbandes bildet ein Beitrag von Ulrike Ladnar. Sie ist dem Geheimnis einer Schachtel auf der Spur. Es handelt sich um eine Schachtel mit zwei in hoher Auflage vorhandenen Exlibris für Henny Weil, die Tomas Ostermann gekauft und als Originalbeilagen für dieses Jahrbuch gespendet hat. [...]
Zwei weitere Beilagen [...] sowie ein Nachdruck von der Originalplatte eines Exlibris von Guido Balsamo Stella – vervollständigen diese Ausgabe.

(A. Aeberhard, gesamte Rezension hier)

Das DEG Jahrbuch 2025 Exlibriskunst und Grafik
Deutsche Exlibris-Gesellschaft e. V. Forum für Kleingrafik, 2025
geb. mit zahlreichen Illustrationen
ISBN 978-3-925300-76-9
Erschienen in 300 nummerierten Exemplaren

Sonntag, 2. Februar 2025

Exlibris für Frau Johann Strauß

Exlibris des Monats Februar 2025: Maria Pateani (1888–1962): Exlibris für Frau Johann Strauß, Lichtdruck

Das beliebte Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, in diesem Jahr wieder unter der Leitung des Dirigenten Richard Muti, leitete mit der Auswahl der präsentierten Musikstücke die Feierlichkeiten der österreichischen Hauptstadt zum 200. Geburtstag von Johann Strauß Sohn im Oktober dieses Jahres ein.
Das Objekt, mit dem die DEG einen kleinen Betrag zum Jubiläum von Johann Strauß leisten will, nimmt sich da – allein schon mit einer Bildgröße von 9 zu 7 cm – recht bescheiden aus. Auch liegt mir die Vorlage „nur“ als Lichtdruck (Phototypie) vor, einem um 1900 sehr verbreiteten rasterfreien Edeldruckverfahren, das heute kaum mehr angewandt wird und überdies Stockfleckchen aufweist. Die Künstlerin Maria Pateani (Prag 1888–1962 Linz) gehört auch nicht gerade zu den bekannten und anerkannten ExlibriskünstlerInnen ihrer Zeit. Und: Es ist nicht einmal für Johann Strauß Sohn (1825–1899) selbst, sondern für Frau Johann Strauß gestaltet, so konnten sich übrigens alle drei Frauen, mit denen der bekannteste Walzerkomponist verheiratet war, nennen – nach zeitgenössischen Quellen war er wohl ein richtiger Womanizer, wie wir heute sagen würden.

Dass das hier vorgestellte Exlibris Adele, also der dritten Frau Johann Strauß, gehörte, ist gesichert. Erstmals wurde das von Maria Pateani geschaffene Blatt in weiteren Exlibriskreisen bekannt, als es im Jahrbuch 9/1911 der Österreichischen Exlibrisgesellschaft abgebildet und kurz besprochen wurde, und zwar zusammen mit einem weiteren Exlibris derselben Künstlerin für Alice Epstein, so lautete der Name von Adeles Tochter Alice nach ihrer zweiten Eheschließung. (In erster Ehe war sie im Übrigen, und das dürfte für ExlibrissammlerInnen besonders interessant sein, mit Franz von Bayros verheiratet.)

Interessant ist, dass das Exlibris zweifelsohne auf die bekannteste Operette von Johann Strauß hinweist, nämlich auf die Fledermaus. Diese allerdings wurde bereits 1874 in Wien uraufgeführt, so dass man sagen könnte, dass das Exlibris nicht nur Johann Strauß, sondern in gewisser Weise auch dessen erster Ehefrau als Impulsgeberin huldigt.

Das Motiv der Grafik, eine Frau mit großen Flügeln, seien es Engels-, Schmetterlings- oder Insektenflügel, war in der Entstehungszeit des Exlibris von Maria Pateani weit verbreitet, vor allem bei erotischen Exlibris, aber auch bei musikalischen, z. B. in Zusammenhang mit Instrumenten wie etwa der Harfe u. a.

(Ulrike Ladnar, kompletter Artikel hier)

Sonntag, 1. September 2024

Li Yifang: Exlibris for Peace

Im Newsletter 407 von Klaus Rödel Li Yifang aufgefallen, das mich schon beim ersten Blick darauf sehr beeindruckt hat und das ich immer noch rätselhaft finde, so dass ich noch länger darüber nachdenken werde.
Bei der großen Affinität der Exlibrissammler und Exlibrissammlerinnen zu mythologischen Themen neigt man angesichts eines nackten Mannes und eines oder mehrerer Steine sofort dazu, über den Stein des Sisyphus oder über Atlas, den Titan, der das westliche Himmelsgewölbe stützen musste, nachzudenken – beide übrigens hatten ihre Aufgabe als Strafe von Zeus erhalten.
Nun bin ich aber sicher, dass es in anderen Kulturen andere Mythen gibt und dass dort andere Geschichten erzählt werden, die ich aber nicht kenne. Deswegen nähere ich mich dem Blatt von Li Yifang anders, gehe nur von dem aus, was zu sehen ist. Und was man sieht, ist eine Mauer, die die beiden Personen auf dem untersten Bildabschnitt von allem anderen trennt, wobei man nicht einmal weiß, was das andere ist. Sind es Menschen? Sind es Orte? Gibt es Kleidung dort? Brot? Liebe? Familie? Sicherheit? Geborgenheit? Oder gab es das dort einst? Und gab es das auf dieser Seite der Mauer, auf der der Mann und das Kind sich bewegen, auch?
Auf jeden Fall ist die Funktion einer Mauer tatsächlich die des Schutzes zwischen einem Dort und einem Hier, zwischen denen, die innerhalb der Mauern wohnen und denen, denen der Zutritt dorthin verwehrt werden soll. Man muss nur an die Stadtmauern, die früher Burgen und Schlösser und unsere Städte umgaben, denken. Heute werden sie von Touristen und Touristinnen besucht und bieten malerische Fotomotive. Das gilt auch für die Chinesische Mauer mit ihren über 21000 Kilometern Länge, die bereits während der Ming-Dynastie entstanden ist und der Grenzsicherung diente. 
Auch heute entstehen an sehr vielen Orten Mauern, architektonische Ambitionen gibt es dabei nicht mehr wie bei unseren mittelalterlichen Anlagen. Die Mauern sperren ein oder aus, werden meistens schnell errichtet, als Zaunanlagen oder Sperranlagen. Wir alle können viele Beispiele anführen, sei es die sog. Tortilla Wall zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, seien es die Sperranlagen zwischen Israel und dem Westjordanland oder der Grenzzaun nach Melilla u. v. a. m.
Ob es Kriege sind, die zu diesen Mauern geführt haben, ob es die Flucht vor Tod oder Hunger ist, das alles erfährt man nicht. Aber Li Yifang geht in seiner Beschreibung der existentiellen Not dessen, der nicht durch die Mauer gelangt, noch einen Schritt weiter. Die psychische Last, die auf demjenigen liegt, der die Mauer nicht überwindet, drückt ihm einen Stempel auf – nur so sind die unteren, nicht mehr geraden Mauerreihen zu erklären – und liegt so schwer auf seiner Seele, dass man ihn und das Kind daran zerbrechen sieht.

(Ulrike Ladnar, gesamter Beitrag hier)

Montag, 3. Juni 2024

Sidney Hunt: Exlibris für A. Whiteflower

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Die  Exlibris von Sidney Hunt begeistern mich immer wieder durch ihre exzellente Komposition, ihre Technik, ihre expressionistische Ausdruckskraft und ihre Eigenwilligkeit. Schwieriger war die Wahl des konkreten Buchzeichens, da einige der Exlibris von Sidney Hunt aufgrund ihres Balancierens zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit nicht leicht erschließbar sind. Gewählt habe ich schließlich ein Exlibris für A. Whiteflower, da dieses ein auf Exlibris nicht eben seltenes Motiv aufgreift, dessen Kenntnis den Zugang erleichtert. Leider konnte ich bis heute nicht herausfinden, wer A. Whiteflower, also der Eigner oder die Eignerin, war.
Man sieht auf dem Holzschnitt einen nackten jungen Mann, der sich über eine Wasserfläche beugt, aus der ihm sein Gesicht entgegenblickt: Narziss also, Sohn einer Nymphe und des Flussgottes Kephissos. Körper, Arme und Beine des jungen Mannes bilden ein klares Rechteck, dahinter und links davon sind Bäume zu erkennen. An einen Baum gelehnt erblickt man die klagende Nymphe Echo, die wie viele andere – Männer wie Frauen – in Narziss verliebt war, aber nicht von ihm erhört wurde. Ihre Liebe war buchstäblich unsterblich, denn sie klagte und weinte so lange, bis ihr Leib sich auflöste und nur noch der Schall ihrer Stimme zu vernehmen war.
Ein ebenfalls in Narziss verliebter und von diesem verschmähter Mann bat die Nemesis um Hilfe dabei, Narziss für das ihm zugefügte Liebesleid zu bestrafen. Diese belegte Narziss mit dem Fluch, sich unsterblich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben, was auch für Narziss zu unerfüllbaren Liebesgefühlen und Liebesleid führte, denn er konnte sich nicht mehr von seinem eigenen Bild im Wasser des Waldteichs trennen, so dass sein Tod unausweichlich war. Damit der schöne und von so vielen geliebte Jüngling nicht dem Vergessenwerden anheimfiel, verwandelte ihn die Göttin nach seinem Tod in eine Blume, bekanntermaßen eine Narzisse.
...
Das alles gestaltet Hunt mit wenigen, kraftvollen Schnitten und mit expressiver Stärke. Das Licht fällt auf die Vorderseiten der beiden Körper, die Gesichter bleiben dunkel. Doch aus dem Waldteich leuchtet Narziss sein helles Gesicht entgegen, über das er sein dunkles hält und nach dem er mit seinen weißen, sich also im Licht befindenden Fingern greifen will. Fast wirkt es so, als wolle er sich sein Spiegelbildgesicht holen, da sein eigenes so dunkel und wie erstorben im Finstern liegt, als könnte erst das geliebte Gesicht im Wasser ihn wieder zum Leben erwecken.
Die Szene wirkt rätselhaft und berührt auf eigentümliche Weise.
Man sieht bereits auf diesem frühen Exlibris Hunts, wie herausragend er Körper, vor allem männliche – es gibt auch viele homoerotische Zeichnungen des Künstlers – so darstellt, dass sie zwar fast abstrakt gestaltet sind, oft auch mit kubistischen Stilelementen, dennoch aber konkrete Züge gewinnen, was Hunt gelingt, indem er nicht die gegenständlichen Merkmale darstellt, sondern die erotische Wirkung, die er in diesen Körpern wahrnimmt, zum Ausdruck bringt.
...
Das Exlibris war für Sidney Hunt übrigens keine grafische Nebensache wie für andere große Künstler; neben dem oben angesprochenen Magazin „RAY“ gab er auch ein kleines (im Web nicht erwähntes) Journal mit dem Titel „The Bookplate“ heraus, in dem er zeitgenössische Exlibris vorstellt und kommentiert und auch Beispiele seiner eigenen Kunst präsentiert, ein Exemplar dieses Journals liegt mir vor. In dem oben angeführten Aufsatz führt Edmond Paul viele Zitate an, in denen Sidney Hunt seine künstlerischen Intentionen verdeutlicht. Sie kreisen meist um die Maxime des neuen, modernen Stils, wie z. B. das folgende: „Qu’est-ce que je vaux si je ne peux pas créer quelque chose de nouveau?“ (Was bin ich wert, wenn ich nichts Neues schaffen kann?)

(Ulrike Ladnar, gesamter Artikel hier)

Dienstag, 2. April 2024

Exlibris des Monats: Kay Voigtmann

Die DEG wählte als Exlibris des Monats April 2024 die Arbeit von Kay Voigtmann, 2004, Erich Kästner: Ein Hund hält Reden, für Ingrid und Lutz Grösel (2004).

Wenn man keinen Hund hat, kommt man nicht auf den Gedanken, dass der April für Hunde ein etwas schwieriger Monat sein kann, weiß man doch wenig über Anleinbestimmungen für Hunde, die sowieso nicht bundeseinheitlich, sondern länder- bzw. kommunalspezifisch geregelt sind. Auf jeden Fall haben Hunde im April an manchen Orten einige weitergehende Anleinvorschriften als sonst, die in Zusammenhang mit der Brut- und Setzzeit von Vögeln und Wild stehen. Außerdem sehen sie ihre menschlichen Besitzer meist in und nach der Osterzeit viel Schokolade essen, deren Genuss ihnen mit dem Hinweis, dass das nicht gesund für sie sei, (zu Recht) verboten wird. Ob sie diese Argumente verstehen, weiß ich nicht, aber der Hund in Erich Kästners Gedicht „Ein Hund hält Reden“ würde sie verstehen, vielleicht jedoch nicht billigen. Denn er klärt den Autor eindeutig über die tierische Sprechfähigkeit auf: „Wir können sprechen.“ Und: Er nennt „Kästner“, wie er den schon zur Entstehungszeit des Gedichts bekannten Dichter respektlos und unhöflich, fast schon arrogant, anredet, auch den Grund, warum er und seinesgleichen diese Fähigkeit nicht nutzen: „Das ist doch klar? Der Mensch ist es nicht wert, dass man gesellschaftlich mit ihm verkehrt.“

Aber lesen Sie das Gedicht Erich Kästners, an den wir in diesem Jahr aufgrund seines 50-jährigen Todestags häufig erinnert wurden, selbst.
Wie Kästners Gedicht macht auch Voigtmanns Exlibris auf den ersten Blick vor allem Spaß. Man sieht zwei Wesen, die man sofort als Geschöpfe Kay Voigtmanns erkennt, sonst – oder deshalb –allerdings nicht genauer bestimmen kann. Tiere sind es nicht, Menschen sind es auch nicht, sondern nicht kategorisierbare Mischwesen ­– dass diese männlich sind, lässt sich allerdings nicht bestreiten – in seriöser und formeller Kleidung und mit menschlichen Statussymbolen wie einer Krawatte, einer Fliege, einem Monokel oder einem Buch oder Kalender in der Hand. Sie begegnen sich wichtigtuerisch, wohl bei einer gesellschaftlichen Abendveranstaltung. Sie tun genau das, was Kästners geträumter Hund nicht tun möchte: sie verkehren gesellschaftlich miteinander, indem sie plaudernd beieinanderstehen und sich Rauch, heiße Luft also, ins Gesicht blasen. Dass Menschen tierische Züge annehmen, ist bei Voigtmann durchaus häufig, das Umgekehrte tut er seinen Tiergestalten nicht an. Deswegen lässt sich vermuten, dass der traurig unten sitzende kleine Hund, also die dritte Figur des Bildes, Kästners sprechenden Hund darstellt, der den gesellschaftlichen Verkehr seiner menschlichen Mitwesen irritiert, verstört und traurig belauscht, sich von ihrer heißen Luft, also ihren Übertreibungen, Eitelkeiten, Schönfärbereien und Unwahrheiten abwendet. Ich glaube, dass jeder von uns sich vorstellen kann, worüber diese beiden Wesen miteinander sprechen bzw. womit sie protzen, während der arme Hund nur noch „seine Schnauze halten“ kann. Und wer das Kästner’sche Gedicht kennt, weiß warum.

(Ulrike Ladnar)

Samstag, 3. Februar 2024

Dichter aus Prag – Franz Kafka und Jaroslav Hašek

In diesem Jahr jährt sich Franz Kafkas Todestag zum 100. Mal.

In der modernen Exlibrisgrafik gibt es sehr viele Blätter, die das Porträt Franz Kafkas oder eine Szene aus einem seiner Romane oder Erzählungen zeigen. Für den Monat Februar habe ich eines ausgesucht, das Kafka, zweifelsohne einer der bekanntesten Autoren des 20. Jahrhunderts, nicht alleine zeigt, sondern zugleich einen anderen tschechischen Schriftsteller, Jaroslav Hašek. Auch dessen Name ist berühmt, aber vielleicht noch berühmter als er selbst ist seine bekannteste Romangestalt, der brave Soldat Schwejk.

Dass Oldřich Kulhánek (1940–2012), wie Kafka und Hašek in Prag geboren, beide Schriftsteller auf einem Blatt gewürdigt hat, ist natürlich eine wunderbare Idee, fast erstaunlich, dass es meines Wissens nicht viele künstlerische Darstellungen gibt, die ein grafisches Aufeinandertreffen der beiden Prager Autoren zeigen; zumindest kenne ich keines.

Denn Kafka und Hašek haben sehr viel gemeinsam. Sie sind im selben Jahr – 1883 – in derselben Stadt geboren und sind beide vor ihrem 40. Geburtstag gestorben, Hašek 1923, Kafka 1924. 

Beide hatten feste politische Überzeugungen. Hašek engagierte sich sein Leben lang aktiv im linken Spektrum. Von Kafka wissen wir, dass er sich schon mit 16 Jahren dem Sozialismus zugewandt hatte und bei linken anarchistischen Versammlungen symbolhaft eine rote Nelke im Knopfloch trug.

Die deutlichen Parallelen in den Biografien der beiden Schriftsteller mögen es gewesen sein, die Oldřich Kulhánek dazu veranlasst hat, die beiden Schriftsteller spiegelbildlich darzustellen, aber nicht mithilfe des bekannten Januskopfes mit einer vertikalen Spiegelebene, sondern mit einer horizontalen Spiegelebene, wie man sie von Spielkarten her kennt. 

Die beiden Schriftsteller sind miteinander verbunden: Kafkas formelle Krawatte steckt in Hašeks locker umgebundenem Tuch – oder umgekehrt. Ihre Unterschiedlichkeit wird durch einen originellen Einfall betont: auf der Kleingrafik mit Hašek auf der oberen Bildhälfte erhält der Eigner ein Exlibris, auf der mit Kafka an der entsprechenden ein PF für das Jahr 1983. Unterschrieben hat der Künstler beides.

(Ulrike Ladnar)

Donnerstag, 2. November 2023

Exlibris des Monats: Samuel X. Rapbill M. D.

Im Allgemeinen gilt der November als regnerischer, kalter, grauer, trauriger Monat mit vielen Gedenktagen an Verstorbene, bevor dann die stimmungs-vollen Adventskränze überall die Grabkränze vergessen lassen. Dieses Novembergefühl wird in diesem Jahr allein schon durch die politische Situation, die vielen Toten durch Kriege und Überfälle und Drohungen bestimmt noch verstärkter als sonst mit Trauer und Angst und Einsamkeit verbunden sein.
Deswegen wollte ich diese Stimmung nicht noch steigern und habe deshalb keines der vielen melancholischen Exlibris-Blätter zum Thema Tod gewählt – und da gibt es sehr viele, ist doch der Tod eines der häufigsten Themen vieler Exlibrissammlungen, vor allem in den Tod und Trauer ästhetisierenden Jugendstilexlibris.
Stattdessen habe ich ein Exlibris ausgesucht, das eigentlich, obwohl der Tod auftaucht, nicht traurig stimmt. Eher ist es ein wenig seltsam, was sich der mir unbekannte Künstler (ich habe ihn bislang in keinem Verzeichnis oder im Netz finden können) vor ca. hundert Jahren ausgedacht hat. Und es ist wirklich eine ganze Menge, was er da in sein Exlibris für Samuel X. Rapbill M. D. „hineingepackt“ hat. ...

(Ulrike Ladnar)

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Dienstag, 3. Oktober 2023

Exlibris des Monats – Anna Tikhonova-Yordanova für Nely van de Weerd

[...] Wofür, wenn nicht für diese Melancholie, setzt Anna Tikhonova-Yordanova, eine in Belarus geborene, jetzt in Bulgarien lebende Künstlerin, auf ihrem Exlibris für Nely van de Weerd die Farben des Herbstes ein? Ich erinnere mich an andere Exlibris der Künstlerin, die ich vor längerer Zeit gesehen habe. Da hat sie ihre Arbeiten häufig auf schwarzem Papier gestaltet, im Golddruck zum einen und mit Zusatzmaterialien zum andern, zum Beispiel liebte sie an zwei Stellen befestigte weiße Fäden, die sich bewegten und so spielerisch Verbindungen zwischen zwei weißen Objekten auf dem schwarzen Karton herstellten.
Auf dem abgebildeten Exlibris sieht man die spielerische Raffinesse von Annas Tikhonovas Technik besonders deutlich. Anfänglich nimmt man mit reiner Freude die Farbgebung wahr, das Braun in verschiedenen Farbgraden von hell- bis dunkelbraun, fast schwarz, das Orange, das Gelb, das Weiß, dann ist man entzückt an dem Gegensatz zwischen der fast naturgetreu gemalten Blume, obwohl man sie nicht eigentlich bestimmen, benennen kann, und dem seltsamen braunen, mit weißen Linien durchzogenen Hintergrund, fragt sich, was das ist: ein Feld? Oder ein Baumstamm? Man ist erstaunt über das kleine weiße Kreissegment auf der linken Seite, in dem der Eignername vermerkt ist. Dadurch erhält das Blatt ein ungewöhnliches Format – außer, wenn man es als Teil des Bildes deutet.
[...]
Wenn man so will, könnte man also letztlich doch auch eine herbstliche Stimmung erkennen, aber nicht die übliche traurig-melancholische, sondern eine lebens- und liebebejahende, die eines mit dem Geschehen, das vielleicht auch im Sinne von Goethes rätselhaftem „Stirb und Werde“ gedeutet werden könnte, In-Einklang-Stehens.

(Ulrike Ladnar, komplette Beschreibung hier)

Freitag, 1. September 2023

Exlibris des Monats: Louis Titz für seine Frau Constance

Das Exlibris des Monats September anlässlich des Antikriegstags am 1. September ist eine Radierung von Louis Titz, einem sehr renommierten belgischen Künstler, der neben ca. 90 Exlibris viele Grafiken und Gemälde geschaffen hat.

Während des Ersten Weltkriegs wandte sich Titz thematisch intensiv dem Krieg zu; er radierte immer wieder minutiös Stätten, an denen der Krieg getobt hatte. Dabei gelangen ihm beeindruckende Radierungen,, die auch heute, gut 100 Jahre nach ihrer Entstehung, noch davon zeugen, welche Grauen durch den Krieg entstanden sind und immer noch entstehen, ...
Besonders eindrucksvoll ist die Mappe Six Ex-Libris de ruines gravés d‘apres nature, die er 1919 in nur 50 Exemplaren herausgegeben hat. Auf den Exlibris dieser Mappe wird das, ohne dass Titz etwas hinzufügt, ohne dass er das Grauen mystifiziert oder symbolträchtig ausschmückt, an sechs Beispielen veranschaulicht. Kein Mensch ist zu sehen und seine geliebten belgischen Städte sind nur noch an zufällig stehengebliebenen Relikten zu erkennen: an den Überresten des Querschiffs einer Kirche, an der kaum entzifferbaren Inschrift eines Cafés, an ein paar erhalten gebliebenen Rundbögen einer Kirchenruine usw. Die schützenden Dächer und Mauern der ehemaligen zentralen Orte einer Stadt sind sozusagen verschwunden, ...
Was uns das über hundert Jahre alte Exlibris von Louis Titz über den Krieg und seine Folgen mitteilt, ist bis heute gültig. Die eingesetzten Waffen mögen sich ändern, auch die Berichterstattung darüber aufgrund der jeweils vorrangig genutzten Medien (der Zeitungen vor allem im Ersten Weltkrieg, des Radios als wichtiger Informationsquelle im Zweiten Weltkrieg, des Fern-sehens und vor allem der vielen digitalen Kommunikationsmöglichkeiten heute), nicht aber ändern sich die Folgen eines Krieges: Leid und Tod.

(Ulrike Ladnar)

Mittwoch, 2. August 2023

Oleg Dergachov: Exlibris für Birgit Göbel

... Man sieht zentral zwei lange, parallel angeordnete, wuchtig runde, nicht näher definierbare Objekte: vielleicht Fundstücke, die man aus der Erde ausgegraben hat, vielleicht Wrackteile aus dem Meer oder dort nach einem Krieg hinterlassene panzerbrechende Betonpoller oder Sonstiges, vielleicht vom Himmel gefallene oder fallende Meteoriten oder, was angesichts der meist glatten Oberfläche wahrscheinlicher ist, unbekannte anthropogene Objekte. Zwischen ihnen halten sich nackte oder halbbekleidete Menschen mit einem Vogelkopf auf, Männer und Frauen, die die schwere Last über ihren Köpfen tragen. Möglicherweise sind es aber auch keine Menschen mit einem großen Schnabel im Gesicht, sondern Vögel mit einem Menschenkörper. Wer kann das schon ausmachen? Unwillkürlich fallen einem zunächst die ca. 15.000 Jahre alten Höhlenmalereien bei Lascaux mit ihren berühmten Vogelmenschen ein, dann aber sofort auch Max Ernsts Mischwesen zwischen Mensch und Tier, von denen sein Vogelmensch, der Loplop heißt, der bekannteste ist und durch seltsame Handlungen auffällt. Vogelmenschen tauchen in der gesamten Kulturgeschichte immer wieder auf, in Gestalt der altägyptischen Götter Horus und Ra, aber auch in einem Traum, auf den Sigmund Freud in seiner Traumdeutung eingeht, um nur zwei weitere bekannte Darstellungen zu nennen. Diese Wesen werden durchgängig als geheimnisvoll und unheimlich wahrgenommen, was wahrscheinlich der fehlenden Mimik von Vogelgesichtern zuzuschreiben ist. Nicht in jeder Epoche und Kultur wird ein Vogelmensch als Mischwesen gesehen, oft gilt er als eine dritte Art Lebewesen.
Oleg Dergachov: Exlibris für Birgit Göbel, 2000
Dergachovs Geschöpfe scheinen sich vorwärts zu bewegen, man versteht aber nicht, wohin sie das riesige Objekt tragen wollen und warum sie es tun. Denn wenn sie sich noch eine Weile weiter bewegen, würden sie vermutlich abstürzen. Irritierend ist auch, dass das untere Objekt viele florale Elemente aufweist, Blätter und Stiele. Vielleicht wachsen sie aus dem Objekt heraus, vielleicht aber auch aus seltsamen Gefäßen wie den Ringen. Auf einem die-ser Ringe, dem größeren, sitzt ein kleiner Vogel und betrachtet die Szenerie so verwundert wie ich. Und dennoch: Von der Szene geht etwas Bedrohliches aus, ein Gefühl, das sich noch verstärkt, wenn ein drittes Objekt in den Blick gerät, das ohne Halt über den beiden anderen schwebt, den unteren Rand eines dritten sieht, das nicht getragen wird, sondern als ob esjederzeit auf die anderen herunterfallen und schweren Schaden anrichten könnte. Bedroh-lich ist auch ein großes spitzes Objekt daneben, das nach unten gerichtet ist, ein riesiger Vogelschnabel vielleicht oder aber Teil eines Wracks oder eine gefährliche Waffe. Vielleicht stürzt auch ein Meteorit herab. ... (komplette Beschreibung hier)

(Ulrike Ladnar)

Samstag, 1. Juli 2023

Exlibris des Monats Juli

Die DEG stellt ihr Exlibris des Monats Juli 2023 vor: Regina Franke zu Erich Mühsam: “Doch ob sie mich erschlügen: Sich fügen heißt lügen!”
"Regina Franke stellt auf ihrem Exlibris einen nackten, leidenden Menschen dar. Man sieht, dass ihm viel Gewalt angetan worden ist, körperliche, aber auch seelische. [...]
Wie so oft in ihren Grafiken verdichtet die Künstlerin eine sprachliche, dichterische Aussage in Strichen und Formen. Hier genügt ihr, dass sie die Umrisslinien um den gequälten Menschen zeichnet, unter dessen Haut Leben sichtbar und spürbar ist, einige Adern sind wahrnehmbar, vor allem aber auch Sehnen – angespannt besonders an den Füßen. Dadurch zeigt sie, dass dieser Mensch wieder aufstehen und weiter widerstehen wird. Er wird sich nicht fügen, solange er noch lebt. Auf dem Exlibris ist es Regina Franke ergreifend gelungen, Mühsams Worte zum Bild werden zu lassen."

(Ulrike Ladnar, kompletter Text hier)

Samstag, 1. April 2023

Exlibris des Monats: Susanne Theumer zu Hugo von Hofmannsthal

Susanne Theumer: Exlibris für Ulrike Ladnar, 2012, Radierung, 100 x 115 mm
Hugo von Hofmannsthal hat [... jene] diffus dämmrige und doch erwartungssichere Zeit zwischen Winter und Frühling 1892 in seinem Gedicht Vorfrühling beschrieben, einem meiner Lieblingsgedichte. Er beschreibt darin, wie der Frühlingswind endlich seinen weiten Weg vom Süden, wo schon Akazien blühen, her zu ihm gefunden hat. Zwar sind in dem Gedicht die Alleen, wahrscheinlich die eines am Stadtrand stehenden Schlosses, noch kahl, aber der Frühlingswind bringt Frühlingserfahrungen aller Sinne, -die er auf seinem Weg gesammelt hat, mit: visuelle (Röte), auditive (Flöte), haptische (berührt), olfaktorische (Duft) oder sogar gustatorische (die Lippen). Seltsame Dinge scheinen das zu sein, voller aufgeregter und aufregender emotionaler und erotischer Momente, solche der Liebe, des Geheimnisses, des Genusses, aber auch solche des Leids und des Todes. Und bei vielen assoziiert man den Abend oder die Nacht.

Susanne Theumer hatte für ihre Kaltnadelradierung dieses Gedicht als Vorgabe.[... Sie] ist eine bei Grafik- und Exlibrissammlern schon sehr bekannte Künstlerin, auch Liebhaber illustrierter Bücher schätzen ihre eigenwilligen Arbeiten sehr. Neben vielen anderen Preisen hat sie 2018 den 1. Preis des Exlibris-Wettbewerbs der DEG gewonnen.

(Ulrike Ladnar, gesamter Artikel hier)

Donnerstag, 1. Dezember 2022

Oskar Kokoschka für Lilly und Arthur Fürst

Exlibris von Oskar Kokoschka für Lilly und Arthur Fürst.

"[...] Das Exlibris zeigt zentral eine sitzende geflügelte Gestalt, die mit großer Innigkeit eine Taube in den Armen hält. Die Taube erwidert diese zärtliche Geste, indem sie mit ihrem Schnabel die Nase des ihr zugeneigten, liebevoll und heiter blickenden Kopfes berührt. Links davon sieht man eine zweite Taube mit einem Olivenzweig im Schnabel fliegen. Oben rechts erblickt man einen Himmelskörper, die Sonne. Ansonsten sind viele Schraffierungen zu sehen, seien sie in Form von Notenlinien oder als Markierungen eckiger, sogar spitzer Formen, von denen manche teilweise wie unbewusst angetrieben gezeichnet ausschauen. Über der Zeichnung sind die Namen der beiden Eigner LILLY und ARTHUR, darunter FÜRST verzeichnet, ganz unten – ebenfalls links, die kräftige Initiale OK sowie das EX und getrennt davon rechts das LIBRIS. Die kleine Szene ist in einen mit schnellem Strich gezeichneten Rah-men gesetzt, und unter dem Rahmen erfolgt eine erneute, doppelte Zuschreibung OK OKOKOSCHKA FECIT.
[...]
Was das vorliegende Exlibris [...] unfreiwillig besonders als Mahnung und Friedensgruß zu Weihnachten geeignet macht, ist die Tatsache, dass es auf ein Stück braunes Packpapier mit dem amtlichen Stempel Kriegszuschlag über seiner unteren rechten Ecke aufmontiert ist."

(Ulrike Ladnar, komplette Beschreibung auf der Seite der DEG)

Mittwoch, 2. November 2022

Exlibris des Monats November 2022 – Olivenernte

Olivenernte, Carla Fusi für Lydia Willemsen, 2018, Radierung
... Nimmt man die Exlibris-Radierung von Carla Fusi für Lydia Willemsen zur Hand, auf der sie eine traditionelle Olivenernte darstellt, so werden auf den ersten Blick alle diese sonnigen und farbigen Phantasien konterkariert. Denn auf diesem Blatt dominieren dunkle Naturfarben, sowohl was die Olivenbaumstämme und ihre Baumkronen mit ihren dichten Zweigen und Blättern als auch die Presse und die kleine Schar der Erntenden am linken unteren Bildrand betrifft. Der Hintergrund ist natürlich hell, mit einer leichten grünen Tönung, die aber einfach nur wie ein Hintergrund aussieht und keinerlei Assoziationen an himmelblaue oder sonnengelbe südliche Atmosphäre auslöst. Eines wird bei diesem ersten Blick schon klar: Um Herbstromantik oder Italiensehnsucht geht es der Künstlerin mit diesem Exlibris nicht.
... Carla Fusi will mit ihrer Radierung unzweifelhaft etwas anderes darstellen – genauer: richtigstellen – die Bedeutung nämlich, die der Natur vom Menschen einzuräumen ist. Denn im Zentrum der Radierung steht eindeutig der alte knorrige Baum. Er wächst auf einem kleinen Erdhügel auf einer Presse und ist so hoch und dominant aufgestellt, dass das Blatt nicht ausreicht, um ihn in ganzer Höhe abzubilden. Und alles, was neben und unter ihm geschieht, hängt sozusagen von ihm ab, liegt in seiner Hand. Oder – noch allgemeiner – in der Hand von etwas noch Größerem, Höherem, der Natur, die durch diesen Baum symbolisiert wird. Der Baum wächst über der traditionellen mechanischen Presse mit dem Mahlstein aus Granit, die früher oft von Eseln oder Ochsen angetrieben worden wurde; heute sind diese Pressen elektrifiziert. Wie die Ernte sein wird, können die Menschen nicht bestimmen, darüber befindet die Natur. Der Sommer kann verregnet sein oder, wie in diesem Jahr, zu heiß und zu dürr, andere Plagen oder Katastrophen können sich ereignen....

(Ulrike Ladnar, komplette Beschreibung hier)

Montag, 1. August 2022

Exlibris des Monats August

Sommermond und Sehnsucht, Radierung
 
Auf der Suche nach einem romantischen Exlibris, das uns in doch insgesamt belastenden und sorgenvollen Zeiten auch einmal die Stimmungen eines lauen Sommerabends wahrnehmen lässt und ein Bild für unsere Sehnsucht danach präsentiert und es uns erlaubt, uns einfach daran zu erfreuen, stieß ich auf das schöne Jugendstilblatt von Joaquim Julibert Gual Baucis, das dieser 1919 für M. (Miguel) Gras Vila gestaltet hat, der sich um 1920 sehr viele Exlibris von Jugendstilkünstlern aus vielen Ländern Europas hat anfertigen lassen.

Mir fallen beim Betrachten Verse von Bertolt Brecht ein:
Denn wir sagen uns: In diesem traurigen Leben
Ist die Liebe immer das Sicherste doch
Und wir wissen ja: Es wird sie nicht immer geben
Aber jetzt scheint der Mond über Soho noch.


Der Mond auf dem noch im Jugendstil verankerten Exlibris Juliberts hingegen scheint auf ein edleres, vornehmeres Ambiente, das vielleicht im brunnenreichen Barcelona zu verorten wäre, der Stadt, in der der Künstler 1898 geboren und 1977 gestorben ist, zu verweisen. Doch übereinstimmend mit dem Gedicht ist, dass auch hier der Mond bei allem Zweifel, aller Schwermut und Trauer Sicherheit zu geben, Wege und Hoffnung aufzuzeigen scheint. Denn recht entschlossen reckt die junge Frau ihren Kopf in die Höhe und blickt offenen Auges auf das, was da kommen mag oder wohin sie gehen wird.
 
(Ulrike Ladnar)

vollständiger Text auf DEG.de