In der Textilgeschichte spielen Wandteppiche und textile Arbeiten im Raum häufig eine Rolle in der Vergewisserung von Werten und Identität. Textile Schrift kann unterschiedliche Funktionen haben: Umgeben zu sein von Worten, sich körperlich darin einzuhüllen, kann trösten, anleiten oder vergewissern.
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| Cruelty Has a Human Heart, Foto Lise Linnert |
Die Sammlung des Klingspor Museums enthält einen einzigartigen Bestand an modernen Schriftteppichen, in dessen Zentrum wandfüllende Arbeiten
Rudolf Kochs und seiner Studierenden stehen, die um 1925 in der Offenbacher Werkstatt entstanden. Der tiefreligiöse Künstler, der zu den wichtigsten Schriftgestaltern seiner Zeit zählte, suchte nachflächendeckenden Ausdrucksmöglichkeiten für das Wort Gottes und schuf so ein neues Genre der Schriftkunst. Ab den 1950er Jahren kamen weitere Schriftteppiche ins Museum, von denen ein großer Teil in der Gobelin-Werkstatt von
Inge Richter und
Gret Mohrhardt gewebt wurden, die über Jahrzehnte in Offenbach bestand und heute fast vergessen ist. Weil sich textile Arbeit häufig mit Weiblichkeit assoziiert, wird textile Schrift in der zeitgenössischen Kunst daneben zunehmend stark in aktivistischen und feministischen Kontexten genutzt. Persönliche Geschichten verweben sich mit Politik und Gesellschaftskritik. Zahlreiche Leihgaben internationaler Künstlerinnen und Künstler zeigen die Bandbreite dieser kraftvollen Ausdrucksmöglichkeiten: die New Yorker Künstlerin
Erin M. Riley,
Lise Linnert zum Attentat von Utøya, die Schweizer Künstlerin
Vreni Spieser und die aus dem Iran stammende Künstlerin
Kani Kamil.
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| Erin M. Riley First Light 2023 Wool, cotton 209 x 254 cm |
Einen ganz anderen Aspekt zeigen Leihgaben aus der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, die von Patientinnen der Psychiatrie in den frühen 1920er Jahren als Ausdrucksformgewählt wurden. Komplexe Stickereien bezeugen die intensive, manchmal zwanghafte Auseinandersetzung mit der eigenen Gedankenwelt.
Zu der Ausstellung wird ein Bestandskatalog der Wandteppiche des Museums erscheinen. Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm wird die Ausstellung begleiten.
Eröffnung: 8. Mai 2026, 19 Uhr
Ausstellung: 9. Mai bis 16. August 2026
Klingspor Museum
Herrnstr. 80 | 63065 Offenbach
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