Montag, 23. Februar 2026

Ein Fundstück mit Tücken

Welche Altlasten unsere modernen elektronischen Bibliothekskataloge noch mit sich herumschleppen, das erfährt man nur selten, punktuell und meist nur per Zufall. Auf der Suche nach Druckwerken, welche die der Vergessenheit anheimgefallene Autorin Conradine Stinde der Nachwelt hinterlassen hat, fiel dem Forschenden einst ein Büchlein mit dem Titel „Das Geld“ ins Auge. Bei einem zweiten Versuch, die Katalogangaben des Buches anzeigen zu lassen, ging die Suche aber ins Leere. Erst mehrere Anläufe mit veränderten Eingaben führten zum Erfolg, bei dem sich zeigte, dass die Autorin und ihr Buch unter dem Namen Konradine Stinde (Vorname mit „K“) im Katalog der Staatsbibliothek zu Berlin verzeichnet war.
Flugs kamen auch Erinnerungen an die bibliothekarische Ausbildungszeit hinzu, in der die „Preußischen Instruktionen“ (Auch PI genannt, im vollen Titel „Instruktionen für die alphabetischen Kataloge der preussischen Bibliotheken und für den preussischen Gesamtkatalog, vom 10. Mai 1899“) ein bedeutender Teil des Lernstoffes waren. In diesem Regelwerk wird in § 101 und 102 vorgeschrieben, dass abweichende Vornamensformen auf dem Titelblatt wie Adolph, Curth und Hellmuth in die gebräuchlichen Formen Adolf, Kurt und Helmut umzuwandeln seien. So wurde aus Conradine Konradine und ihr rätselhaftes Verschwinden klärt sich auf: Das Büchlein stammt aus dem Jahre 1905 und wurde seinerzeit nach PI mit umgewandelter Vornamensform katalogisiert. Übrigens scheint es ein Unikat zu sein. Es ist aber auch ein Unicum, denn es handelt sich um eine Ausgabe in der Kurzschrift vom Typ Stolze-Schrey, deren Entzifferung nur noch Spezialisten gelingt. Ein elektronisches Programm zur Lesbarmachung der alten Schrift gibt es derzeit noch nicht.

(Ulrich Goerdten)

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