Samstag, 31. Januar 2026

Zemaria Pinto, Folia no seringal: ensaios sobre a literatura do Amazonas

Buch des Monats Februar der Schweizerische Bibliophilen-Gesellschaft ist Zemaria Pintos Folia no seringal: ensaios sobre a literatura do Amazonas. Von Francisco de Orellana zum Liebhaber der Amazonen - ein literarisches Panorama des größten Regenwaldes auf Erden.

Das irdische Paradies ist der in der Genesis beschriebene Garten Eden. Obwohl es auf der Erde lokalisiert ist, verspricht es neben sinnlichen Genüssen und Kostbarkeiten das ewige Leben, wobei hier die Einschränkung gilt, dass das ewige Leben auf den Aufenthalt im Garten beschränkt ist. Es gibt dort keine Kälte und keine Hitze, nur gemäßigtes Klima. In der Mitte entspringt eine Quelle und teilt sich in vier Flüsse. Das irdische Paradies wird in fast allen Quellen als nicht zugänglich beschrieben. Dennoch war die Suche danach ein beliebtes Thema, wurde immer als strapaziös und gefährlich geschildert und nach der Entdeckung Amerikas in die Neue Welt verlegt.
Der Spanier Gaspar de Carvajal (1504-1584) war der erste Chronist, der sich für die Landschaft Amazoniens begeisterte und dort das irdische Paradies zu lokalisieren versuchte. Auf einer Reise mit Francisco de Orellana von den Anden bis zum Atlantik (1541-1542) beschrieb er die Bewohner der Region und schuf dabei den Mythos der Amazonen, kriegerischen Indianerinnen – weiße, große Frauen mit langen Haaren - die den spanischen Dominikaner an den griechischen Mythos von den männergleichen Kämpferinnen erinnerten. Ein europäischer Mythos wurde in die Neue Welt verpflanzt und verlieh dem größten tropischen Regenwald auf der Erde seinen Namen.
Hundert Jahre später befuhr der spanische Jesuit Cristóbal de Acuña (1597-1675) ebenfalls den Amazonas auf der Route von Carvajal als Chronist der Expedition von Pedro Teixeira und widmete neben den Beschreibungen von Flora und Fauna auch ein Kapitel den Riten und Gottheiten seiner Bewohner, wenn auch aus einer eurozentrischen Perspektive.
Erst Euclides da Cunha (1866-1909), Begründer der modernen brasilianischen Literatur, und sein Freund Alberto Rangel (1871-1945) stellten unter dem Eindruck des Kautschukbooms und den sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen der Gummi-Zapfer das Bild des irdischen Paradieses auf den Kopf: Inferno verde (1908), eine Sammlung von 11 Erzählungen von Alberto Rangel schildern den Menschen Amazoniens als Opfer eines grausamen Schicksals.
Zemaria Pinto, Professor für brasilianische Literatur an der Universidade Federal do Amazonas (UFAM), rekonstruiert in seinem Buch das Bild Amazoniens in der europäischen Geistesgeschichte seit der Entdeckung Amerikas. Forscher, Reisende und Abenteurer formten das ambivalente Vexierbild einer Region, die als Experimentierfeld für Utopien aller Art ökonomisch und ideologisch umkämpft geblieben ist, so bei Jules Verne.
Doch wie reagierten die Schriftsteller und Intellektuellen Amazoniens selbst auf diese Stereotypen? Darauf gibt diese Monographie eine Antwort und zeichnet das Bild einer Region, die Opfer wirtschaftlicher Ausbeutung und zugleich Projektionsfläche europäischer Phantasien und exotischer Träume geblieben ist, wie sie im Roman Der Liebhaber der Amazonen (3) parodiert werden, einer Allegorie des Kautschukbooms.

(Albert von Brunn, Zürich)

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