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Samstag, 4. Juli 2026

Albert Joseph Conlin, Der christliche Weltweise beweint die Torheit der Narrenwelt

Das Buch des Monats Juli der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft ist Albert Joseph Conlins siebenbändiges Werk "Der christliche Weltweise beweint die Torheit der Narrenwelt" (Band 1: 1706).

Abraham a Sancta Clara (1644–1709) hatte für den Buchhändler Daniel Walder in Augsburg ein Werk «Der christliche Weltweise beweint die Torheit der Narrenwelt» zu schreiben unternommen, wurde aber durch andere Arbeiten daran verhindert. Weil die Kupfer bereits fertig waren, ersuchte Walder den Weltgeistlichen Albert Joseph Conlin (1669–1753), das Werk mit Texten zu versehen, was dieser ‹abrahamisierend› in sieben Bänden unternahm. (So stellt das Karl Friedrich Flögel in seiner «Geschichte der Komischen Literatur» 1786 dar.)

Conlin steht also in der Tradition von Abrahams Buch «Wunderlicher Traum von einem großen Narren-Nest» (1703), wo bereits 12 Narren (aber ohne Bilder) beschrieben sind. Hier der Titel des ersten Bandes von Conlin, der mit einem Anagramm signiert:

Der Christliche Welt=Weise Beweinent Die Thorheit Der neu-entdeckten Narrn=Welt/ Welcher die in disem Buch befindliche Narrn zimblich durch die Hächel ziecht/ jedoch alles mit sittlicher Lehr und H. Schrifft untermischet. Worin über 200. lustig und lächerliche Begebenheiten/ deren sich nit allein die Herrn Pfarrer auf der Cantzel/ sondern auch ein jede Privat-Persohn/ bey ehrlichen Gesellschafften nutzlich bedienen können. Vorgestellt von Alberto Josepho Loncin von Gominn, Augspurg: Walder [1706].
Ich führ Process schon lange Jahr
Daß mir jetzt wachsen graue Haar.
Der Richter nimmt sein Deputat,
Das Recht verkehrt der Advocat,
Von oben ab bis an die Hol
Wann ich sie schmier, so fahr ich wol.
Es folgen dann: Ander Theil (1707); Der Dritte Theil (1708); Vierdter Teil (1708); 5. Theil (1709) — und dann: «Der Christliche Welt-Weise Beweinet die Thorheit derer in diesem Buch beschriebener Närrinnen» (1710 und 1711); insgesamt werden 100 Narren und 50 Närrinnen zwecks Besserung der Leserschaft verspottet. (In den beiden Bänden 1710/11 ist der richtige Namen Albert Joseph Conlin, Pfarrer zu Moning im Rieß auf dem Frontispiz angegeben.)
 
(Paul Michel, komplette Beschreibung hier)

Mittwoch, 29. April 2026

Der Mensch auf Sinnbilder-Art vorgestellt

Das Buch des Monats Mai der Schweizerische Bibliophilen-Gesellschaft ist Laurens van Haecht / Gerard de Jode, Mikrokosmos. Parvus Mundus, 1579.

Die lateinische Erstausgabe des vorgestellten Buchs mit dem Titel «Mikrokosmos. Parvus Mundus» ist mit Laurentius Haechtanus (Laurens van Haecht Goidtsenhoven, 1527–1603) signiert, dem Verfasser der Texte, und mit Kupferstichen von Gerard de Jode († 1591) versehen; es erschien 1579 in dessen Verlag in Antwerpen.

Das Buch nutzt die Struktur des (seit 1531 gebräuchlichen) Emblems: Lemma – Bild – Epigramm (hier Bibelzitate) – zusätzlich sind jeweils auf der rechten Buchseite Erläuterungen in Versform (elegisches Distichon) beigefügt. Wie in der Emblematik üblich, werden anhand von exemplarischen Geschichten, mythologischen Darstellungen, Fabeln, u.a.m. gutes und übles menschliches Handeln veranschaulicht.

Das Buch enthält 74 solche Text-Bild-Kombinationen. Wie bei diesen Werken üblich, sind die Embleme keine Neuerfindungen, sondern beruhen meistens auf antiken Texten. Erstaunlich ist, welche Kenntnisse der Tradition diese Verfasser hatten.

Das Buch wurde mehrmals neu aufgelegt. Für die folgenden Ausgaben (1618, 1644, 1670) wurden neue Bilder (Kopien der Radierungen von Gerard de Jode) von Jacob de Zetter (Wirkungsdaten 1609–1636) verwendet. Dann wurde das Buch auch ins Deutsche übersetzt.
Das Titelbild zeigt den Menschen als Mikrokosmos mit dem Haupt in einem Kugelkreuz, der als ganzer in einem Kugelkreuz steht, das für die große Welt steht, inmitten der vier durch Tiere repräsentierten Elemente des Makrokosmos, die den vier Temperamenten zugeordnet werden: der Feuersalamander (die sanguinische Natur), der Maulwurf (die melancholische Natur), der Stör (die phlegmatische Complexion), das Chamäleon (das gemäß Plinius von Luft lebt, die cholerische Complexion). Winde aus den vier Himmelsrichtungen blasen ihn an, sie bedeuten die vier Haupt-Lebensalter.

(Paul Michel, Zürich, kompletter Artikel hier)

Donnerstag, 1. Januar 2026

Bibliophiles des Monats - Philosophisch Ehzuchtbüchlin

Bibliophiles des Monats und gleichzeitig Buch des Monats der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft ist im Januar Johann Fischarts «Philosophisch Ehzuchtbüchlin», in dem er verschiedene Autoren zum Thema übersetzt und sie mit weiteren Texten kumuliert hat.
Es erschien illustriert mit 71 Holzschnitten von Tobias Stimmer (1539–1584) 1578 bei Fischarts Schwager Bernhard Jobin (†1593) in Straßburg (Duodezformat, 18 Lagen à 16 Seiten, unpaginiert). Neuauflagen: erweitert 1591; 1597; 1607; 1614.
Johann Fischart (* ca. 1547; † 1591) hat ein umfangreiches, sprachgewaltiges, buntscheckiges literarisches Werk verfasst. Immer wieder greift er ältere Texte auf, übersetzt, überarbeitet und erweitert sie mit eigenen Worten und Gedanken. So setzt er «Dyl Ulenspiegel» um in eine versifizierte Fassung «Eulenspiegel Reimensweiß» (1572). Einen Text von Mathias Holtzwart gestaltet er aus zur «Flöh Hatz / Weiber Tratz» (1573) und erweitert das Büchlein vier Jahre später um das Doppelte. Fischart hat den «Gargantua» von Rabelais übersetzt und erweitert, auch seine eigene Fassung zwei Mal amplifizierend überarbeitet: «Geschichtklitterung» 1575 / 1582 / 1590.

(Paul Michel, Zürich)

Montag, 4. August 2025

Paul Michel, Das Herz als Symbol

DIe Schweizerische Bibliophilen-Gesellschaft hat in significatiom, dem Bulletin der Schweizerischen Gesellschaft für Symbolforschung, Heft 10 (2025) den Beiztag von Paul Michel, Das Herz als Symbol. veröffentlicht.
der Beitrag kann durch Klick auf die Abb. aufgerufen werden
Das Hertz ist ein Brunnquell des Lebens und aller natürlichen Hitz / mitten in den Leib gesetzt / daß es das Blut erwärmt / durch den gantzen Leib aus breite und das Leben erhalte: Es lebt am ersten / und stirbt am letzten ab: Jn dem Hertzen ist auch der Sitz aller gemüthlichen Bewegungen / als Freud / Leid / Trauren / Forcht / Sorg / Kümmernus / Hoffnung / Liebe / Haß / Zorn / Neid / Mitleiden und dergleichen.
(Es folgen sieben Rezepte bei Problemen wie z.B.: Hertz-Zittern und Klopfen zu vertreiben.) Vollständige Hauß- und Land-Bibliothec/ Worinnen Der Grund unverfälschter Wissen schafft zu finden ist/ […]. In dem Andern Theil ist begriffen eine Anatomische Beschrei bung deß gantzen Menschlichen Cörpers […] wie nehmlich der Mensch bey seiner Gesundheit zu erhalten […], gesammlet durch Andream Glorez, Regenspurg 1701; Das sechste Capitel. Von dem Hertzen.

Samstag, 12. Oktober 2024

Buchkultur in Zürich 2024

Eine Veranstaltungsreihe von vier Zürcher Buchantiquariaten zeigt auch in diesem Jahr wieder "Buchkultur in Zürich 2024"
30. Oktober 2024, 19 Uhr
Biblion Leonidas Sakellaridis, Kirchgasse 40, 8001 Zürich
Fritz Gutbrodt: Robinson Crusoe – von der einsamen Insel aus rund um die Welt.

6. November 2024, 19 Uhr
Peter Bichsel Fine Books, Oberdorfstrasse 10, 8001 Zürich
Martin Weber: 2000 Bibeln und kein bisschen heilig!

13. November 2024, 19 Uhr
EOS Buchantiquariat Benz, Kirchgasse 17, 8001 Zürich
Hasso Böhme: Der unsterbliche Struwwelpeter und seine Nachkommen

20. November 2024, 19 Uhr
August Laube Buch- und Kunstantiquariat, Kirchgasse 32, 8001 Zürich
Paul Michel: Attraktives, Programmatisches, Skurriles auf Titelseiten von Büchern

Ein Flyer mit weiteren Informationen zu den Veranstaltungen kann durch Klick auf die Abb. aufgerufen werden.

30. Oktober bis 30. November 2024

Zürich

Mittwoch, 31. Januar 2024

Buch des Monats der Schweizerischen Bibliophilen

Das Buch des Monats Februar 2024 der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft ist
Albert Lutz, Val Medel /Albert Lutz, Val Medel – Naturforscher und Landschaftsmaler erkunden den Rhein und die Berge am Lukmanier 1700–1830
 
(Neujahrsblatt der Gelehrten Gesellschaft in Zürich auf das Jahr 2024), 86 Seiten, 27 Abbildungen, Hrsg.: «La Vitrina»
(ISBN: 978-3-033-10110-4).

Zwischen 1780 und 1830 sind Künstler in das Bergtal Val Medel gekommen, um vor Ort auf Bergreisen zu zeichnen und zu malen. Diesen Landschaftsillustratoren ist das von Albert Lutz verfasste Buch gewidmet.

Die Erkundung und künstlerische Wahrnehmung dieses Landstrichs erfolgte aus verschiedenen Interessen.
Die malerischen Schönheiten der Natur – Wasserfälle, Brücken, Schneeberge im Hintergrund – und ihre Wirkung auf die empfindsame Seele der Betrachter wollten einige dieser Zeichner und Maler vermitteln.
Salomon Gessner (1730–1788) setzte 1788 das Bild von Hess in eine kleinformatige Radierung um; er verwandelte die präzise Zeichnung von Hess ‹in ein Bergidyll, ein alpines Arkadien›.
Salomon Gessner nach Ludwig Hess, Rhein-Brüke, nahe bey St.Roch im Medelser Thal in Bünten.
Mit Salomon Gessner bewegen wir uns in der Welt der Idyllen: Schäferinnen und Hirten leben – ein Gegenbild zum dekadenten Leben in den Städten – im Einklang mit der urwüchsigen, friedvollen Natur; glückliche Lämmer und Ziegen umgeben sie. Gessners Gedichtsammlungen «Daphnis» und «Idyllen» erschienen von 1754 an in mehreren Auflagen.
Ein eigenartiges Interesse zeigt sich im Kunstmarkt, der die Nachfrage nach erhabenen, pittoresken Bildern bediente. Der junge Schaffhauser Verleger Johann Ludwig (Louis) Bleuler (1792–1850) unternahm 1817/19 – geführt von P. Placidus Spescha – Reisen in die bündnerischen Bergtäler, um akribisch genaue Landschaftsstudien anzufertigen. Der Rhein entwickelte sich allmählich zu einem eigenen Bildmotiv, und von 1827 bis 1842/43 entstand dann in seinem Verlag nach und nach die «Große Rheinreise», an der 25 Graphiker arbeiteten.
Hans Conrad Escher (1767–1823), der mit dem Fernglas die Berge absuchte, um ihre Schichtung zu erforschen, setzt sich mit seinem geognostischen Interesse deutlich ab von den malerischen Alpenansichten. Ihm ging es um die Erforschung der Entstehung der Gebirge, wozu er zahlreiche Exkursionen in die Alpen unternahm. 
Ob der Mensch nun diese zahllosen Welten zum Vorwurf seiner Betrachtungen wähle, oder ob er die zweckmäßige Bildung unserer Erdoberfläche untersuche, oder dem bewundernswerthen Organismus der Geschöpfe nachspüre, so wird er immer auf die gleiche göttliche Urquelle alles Daseins hingeleitet, die dem Mensch zwar zu fühlen, nicht aber mittels seiner Vernunft zu begreifen vergönnt ist, so lange diese an die Bedingungen von Zeit und Raum für ihre Begriffe gebunden ist (Escher, zitiert auf S. 59).
Geführt wurden die Alpinisten immer wieder von Pater Placidus Spescha O.S.B. (1752–1833 in Trun; 1782 Priester in Disentis). 
Er interessierte sich für die Gestalt der Berge und Theorien ihrer Entstehung, Gesteine, Gewässer, Witterungserscheinungen, Alpwirtschaft, und auch für die Lebensart der freiheitsliebenden Menschen der Alpen mit ihren besonderen Anlagen. Das Zeichnen traute er sich kaum zu, indessen beschrieb er die Landschaften sehr plastisch. Seine weitläufigen Aufzeichnungen sind handschriftlich überliefert und neuerdings zum Teil ediert von Ursula Scholin Izeti. Befreundet war er u.a. mit Johann Gottfried Ebel (1764–1830), der sich ebenfalls für den Bau der Berge und die Gebirgsvölker interessierte, und dem er Informationen zukommen ließ.
Der unermüdliche Pater Placidus Spescha war indessen nicht nur kulturgeographisch unterwegs. Sein Einsatz gegen die Verarmung der Bevölkerung, sein Verhalten im Kriegsjahr 1799 und im Jahr ohne Sommer mit Überschwemmungen, Brückeneinstürze und einer Hungersnot 1816 sind weitere, beeindruckende Leistungen dieses Manns.

(Paul Michel, Zürich)

Freitag, 6. Oktober 2023

Buchkultur in Zürich 2023

In Begleitung der Antiquariatsmesse Zürich findet die Veranstaltungsreihe Buchkultur Zürich statt.
  • Dr. Richard Fasching
    Nur für Freünde – Johann Caspar Lavaters Aufträge an seinen Hausdrucker Johann Caspar Näf
    25. Oktober, 19 Uhr
    Biblion Antiquariat Leonidas Sakellaridis, Kirchgasse 40, 8001 Zürich
  • Oded Fluss
    Ein jüdischer Rembrandt in Zürich Zum 65. Todestag von Gregor Rabinovitch. – Mit kleiner Ausstellung
    1. November, 19 Uhr
    Dr. Peter Bichsel Fine Books, Oberdorfstrasse 10, 8001 Zürich
  • Dr. Christine Lötscher
    «Und zu Weihnacht kommt ein Kinderbuch» Heidis lange Reise ins UNESCO-Register «Memory of the World»
    12. November, 11 Uhr
    Antiquariats-Messe Zürich, Vortragssaal Kunsthaus
  • Dr. Paul Michel
    Das Bild-im-Bild als didaktisches Konzept bei Conrad Meÿer (Zürich, 1618–1689)
    15. November, 19 Uhr
    August Laube Buch- und Kunstantiquariat, Kirchgasse 32, 8001 Zürich
  • Bernhard von Waldkirch
    Idylle und Abstraktion GESSNER. Salomon und Judith, Robert und Selma, David
    22. November, 19 Uhr
    EOS Buchantiquariat Benz, Kirchgasse 17, 8001 Zürich E
Buchkultur in Zürich: 25. Oktober - 22. November 2023
Antiquariatsmesse Zürich: 10. - 12. November 2023

Antiquariats-Messe Zürich
Kunsthaus, Heimplatz 1, 8001 Zürich

Montag, 20. Februar 2023

Der Blasbalg als Symbol

In significatio, dem Bulletin der Schweizerischen Gesellschaft für Symbolforschung, wurde in Heft 7 unter Verwendung bibliophiler Quellen mit sehenswerten Illustrationen ein Beitrag von Paul Michel veröffentlicht, der sich mit dem "Blasbalg als Symbol" beschäftigt.

Von der missbräuchliche Verwendung des Werkzeugs, über den Teufel, der Versuchungen ins bedrängte Herz bläst oder des Feuers Glut, welches Gold rein macht, ob Zwietracht oder die Ohren blasende Närrin, die Darstellung unheilvoller Kometen, von einem Skelett mit Blasbalg angetrieben oder einen vom Teufel inspirierten Prediger - die historischen Zeichnungen, Holzschnitte und Kupferstiche zeigen, wie die Geräte, ursprünglich zum Schmelzen von Bronze entwickelt und später auch eingesetzt für die ›Bewetterung‹ von Bergwerksschächten und die ›Windwerke‹ von Orgeln, allmählich als symbolischer Bildspender verwendet wurden. "Es fragt sich jedes mal: Wer bläst wem was ein und wozu?"

Da dieser Beitrag nicht nur interessant ist für die Symbolforschung, sondern auch für jeden Bibliophilen, wird er auf der Seite der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft als PDF zur Verfügung gestellt und kann durch Klick auf die Abb. aufgerufen werden.