Mittwoch, 30. September 2026

Der Hundeshagensche Codex

Ein besonders kostbares Buch verdankt die Staatsbibliothek zu Berlin dem aus Hanau stammenden Germanisten und Bibliothekar Helfrich Bernhard von Hundeshagen. [...]

Im Jahr 1817 kaufte von Hundeshagen das Buch, das heute unter dem Namen „Hundeshagenscher Codex“ bekannt ist, in Mainz zum Preis von 100 Dukaten. Mehrere Jahre lang restaurierte von Hundeshagen das Buch akribisch. Er ließ den Codex mit einem biedermeierlichen Einband, bestehend aus mit weinrotem Samt überspannter Pappe, versehen, den Spiegel mit Moiréseide ausstatten und den Schnitt vergolden.
Es handelt sich um eine vollständige Handschrift des Nibelungenlieds. Mutmaßlich entstand sie um 1440. Das in ostschwäbischem Dialekt geschriebene Buch enthält 37 Miniaturen. Es ist die einzige mit zeitgenössischen Illustrationen versehene Bilderhandschrift des Nibelungenstoffs. [...]
Etzel lässt die Burgunderkönige zu Gast laden
Um den Text für das Publikum spannender zu gestalten, fügte der spätmittelalterliche Schreiber zwei Passagen ein, die eigentlich nicht hinein gehören. Am Beginn der 28. Aventiure warnt Hildebrand die Burgunder vor Rohren, die mit einem aus Schwefel und Kohle bestehenden Pulver gefüllt sind. Mit diesen soll auf Krimhilds Befehl der Saal, in dem die Burgunder lagern, in Brand gesetzt werden. Am Ende hat der Schreiber noch eine makabere Anekdote eingeflochten, der zufolge Hildebrands Schwert so scharf ist, daß Krimhild nichts spürt, als sie den todbringenen Streich erhalten hat. Erst als sie sich bückt, zerfällt sie in zwei Teile.
Nach Hundeshagens Ableben ließen seine Erben den Codex 1867 im Kölner Auktionshaus Lempertz versteigern. Für 780 Taler zuzüglich 78 Taler Aufgeld erhielt die damalige Königlich Preußische Bibliothek den Zuschlag. Heute trägt der Band die Signatur Ms. germ. fol. 855. Das Digitalisat kann in unseren Digitalisierten Sammlungen bewundert werden. Wer beim Lesen gern etwas in den Händen hält, sei auf das 2008 erschienene Faksimile verwiesen. Im Handschriftenlesesaal der Staatsbibliothek im Haus Unter den Linden 8 ist es unter der Signatur Hs LS CM 1037 zu finden.

(Thomas Parschik, kompl. hier)

Literatur: Das Nibelungenlied. Der Hundeshagensche Codex. Ms. germ. fol. 855 der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Berlin (I: Faksimile, II: Kommentarband mit Beiträgen von Beate Braun-Niehr, Joachim Heinzle, Klaus Klein, Jürgen Vorderstemann), Gütersloh/München 2012

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