Sonntag, 17. Mai 2026

„Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.“

Wer käme schon auf die Idee, das Paradies in einem Atemzug mit einer Bibliothek zu nennen? Jorge Luis Borges schon.
Allein der Vorstellungsversuch lässt vermuten, dass er damit den Anspruch erhebt, der Beziehung des Menschen zum Paradies eine neue Dimension abzugewinnen. Mit diesem ebenso abenteuerlich wie eindeutig formulierten Ansinnen wird auch der Gedanke verständlich, der Borges bewegte, eine Idee zu thematisieren, die manche Menschen mit einem Wunsch verbinden. Aber dann setzt man das Paradies mit einer Bibliothek gleich und hat im besten Fall eine Paradies-Bibliothek!? Naja, klingt zugegeben befremdlich… Vermutlich würde kein Mensch wissen, was gemeint ist und beides voneinander trennen. Immerhin funktioniert das Paradies nicht ohne den Sündenfall und jeder, der schon einmal in einer Bibliothek war, ist vielleicht unangenehm berührt, wenn menschliche Schwäche teuflischen Verlockungen erliegt. Damit wird nur aufgezeigt, dass Bibliotheken ein Vorbild für das Paradies sein können und in ihrer Machart ganz besonders sind. Doch paradiesische Zustände werden dadurch nicht generiert. Wenn schon paradiesisch, dann müssen die Engel warten, bis der Himmel ein Einsehen hat. Vielleicht baut Gott auch eine Bibliothek zwischen den Wolken und bestimmt die Literatur zum achten Sakrament? Dann wissen wir wieder, dass wir nichts wissen, aber das ist reine Spekulation. Dafür ist Borges mit seiner Vorstellung nicht mehr allein und so gedeiht die Hoffnung, dass sich das Paradies in eine Bibliothek verwandelt.

(Jan Schäfer, weiterlesen auf Blog der DNB)

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