Freitag, 22. Mai 2026

versteckte Luther-Schrift entdeckt

Anfang des 16. Jahrhunderts war zwischen Erasmus von Rotterdam und Martin Luther ein fundamentaler, theologischer Streit entbrannt. Beide haben eine Reformation der Kirche vor Augen, dabei jedoch grundlegend verschiedene Ansätze. 1524 verfasst der Humanist Erasmus die Schrift "De libero arbitrio", (Über den freien Willen).
Das Schriftstück ist seit 1927 beim Bistumsarchiv Trier registriert und bekannt. Bei einer Revision entdeckte der Archivar Manfred Diehl hinter dem Erasmus-Werk noch eine zweite Schrift: Martin Luthers "De servo arbitrio" (Über den geknechteten Willen), die der Reformator 1525 in Wittenberg als direkte Reaktion auf das Werk des Erasmus von Rotterdam verfasst hatte

Thomas Martin Schneider, Professor für Kirchengeschichte am Institut für Evangelische Theologie der Universität Koblenz. vermutet, es handelt es sich bei dem Luther-Text aus Ehrenbreitstein um einen frühen Nachdruck, angefertigt nur wenige Monate nach der Erstausgabe 1525: "Das zeigt, dass Lutherschriften damals Bestseller waren. Man schätzt, dass etwa 1.000 bis 1.500 Bücher pro Ausgabe aufgelegt wurden."
Die Tatsache jedoch, dass die Werke zusammen gebunden wurden, fasziniert den Religionswissenschaftler. Denn eigentlich hätte das Ehrenbreitsteiner Kapuzinerkloster Luthers Schrift gar nicht besitzen dürfen. Hier vermutet Schneider den Ursprung des Buches. "Die Bücher Luthers sind 1521 im Zuge der Exkommunikation und der Verhängung der Reichsacht über ihn verboten worden". Die Entscheidung habe das Tridentinische Konzil von 1549 nochmals bestätigt: "Man würde heute sagen: Martin Luther war einer der ersten, der auf dem Index stand."
Schneider geht deshalb davon aus, dass die Ehrenbreitsteiner die Luther-Schrift gezielt hinter der Erasmus-Schrift verstecken wollten, um beide trotz des Verbots studieren und miteinander vergleichen zu können. Erasmus habe sich an der Seite des Papstes positioniert, während Luther kein Stück von seiner Rechtfertigungslehre abgekehrt sei: "Es war nicht irgendeine Debatte, sondern die zentrale geisteswissenschaftliche Debatte der Zeit."
Vielleicht lässt sich gerade wegen des Luther-Verbots heute nicht mehr nachvollziehen, wer das bedeutende Buch zusammengebunden hat. "Wir waren das Pfarrarchiv von acht Kurfürsten, die hier ihre Residenz hatten. Jemand muss diese Schriften zusammengefasst haben. Und in den Napoleonischen Wirren ist das Schriftstück ins Pfarrarchiv gekommen", vermutet Archivar Manfred Diehl, der in mehr als 40 Jahren Archivarbeit nichts Vergleichbares erlebt habe.

(Tim Saynisch, vollst. Art. beim SWR lesen)

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